Afghanistan - ein zweites Vietnam?

    Mit dem Abzug der Amerikaner wird das militärische Abenteuer Afghanistan für den Westen beendet - außer Spesen nichts gewesen!?

    Ich sehe da (laienhaft) gewisse Parallelen zum Vietnam-Krieg - wo ebenfalls der innenpolitische Druck und weniger die militärische Notwendigkeit den Abzug begründete...

    Und wo es danach den Menschen im Land nicht unbedingt besser ging, was auch für Afghanistan in absehbarer Zeit nach dem Abzug wohl so sein wird...

    Was hätte man besser machen sollen? Irgendwelche Vorstellungen dazu?

    Und welche Perspektiven seht ihr für das Land?

  • Man wäre da besser gar nicht einmarschiert.Die Engländer sind im 19.Jahrhundert kläglich gescheitert,Die Rote Armee hat zehn Jahre lang nicht geschafft,das Land zu unterwerfen,von 1979 bis 1989.Aber die allmächtige US-Armee hätte das schaffen sollen?Wie denn?

    Die Taliban sitzen jetzt mit am Verhandlungstisch.Welch eine Blamage!

    Perspektiven:Islamische Republik Afghanistan.

    Ja, fürchte ich auch, dass die Frauen und Kinder schnellstmöglich wieder sämtlicher Rechte beraubt werden - wenn man sich die Karte bei Wikipedia anschaut, dann sind ja jetzt schon nur die Städte und das unmittelbare Umland unter westlicher Kontrolle. Das platte Land ist schon wieder Taliban-Gebiet.

  • Das platte Land war nie wirklich geeint oder eine homogene Masse. Dazu gibt es zu viele Stämme, die untereinander um die Vorherrschaft kämpfen, ähnlich wie in Libyen. Die Paschtunen haben sich einst als vorherrschende "Ethnie" durchgesetzt, nicht ohne viele andere zu unterdrücken. Wobei die Paschtunen selbst untereinander rivalisieren. Afghanistan selbst ist durch eine Dschirga, ein Clan/Stammestreffen, gegründet worden. Man kann an das Land also nicht europäische Maßstäbe anlegen.


    Aber vielleicht erkennt man ja, spätestens nachdem die Taliban wieder die Herrschaft übernommen haben, auch in Deutschland, dass Afghanistan immer noch kein sicheres Herkunftsland ist und unterlässt diese nächtlichen Sammelabschiebungen. Unerträglich. Denn ansonsten kann man sich die Krokodilstränen und die Sorgen um Frauen und Kinder sparen.

    Ja, guter Punkt - die Legende vom sicheren Herkunftsland kann man dann auch knicken. Eigentlich schon, seitdem die Truppenpräsenz so stark zurückgefahren wurde.

    Meine persönliche Meinung zu der Geschichte ist, dass es eine wesentlich größere Abschreckungswirkung entfaltet hätte, wenn Bin Laden in einer Kommandoaktion gefasst worden wäre, ohne ein ganzes Land militärisch zu besetzen. Wenn sie das geschafft hätten, hätten sie eine Legende geschaffen, ähnlich des israelischen Geheimdienstes, dass es keine sicheren Rückzugsorte für Terroristen gibt.

    Denn auch mit dem massiven militärischen Vorgehen hat es ja viel zu lange gedauert, dieses primäre Ziel des Angriffs zu erreichen...

    Auf der anderen Seite steht für mich allerdings das Problem, dass man mit diesem Vorgehen Verantwortung für das Land übernommen hat und es ethisch sehr fragwürdig ist, da jetzt ohne Rücksicht auf Verluste einfach abzuziehen.

    Und die generelle Frage lautet - auch wenn das allenfalls ein Feigenblatt vor den wirklichen Zielen solcher Interventionen ist - wie es um die Menschenrechte in solchen Ländern aussehen würde, wenn keinerlei westliche Einflussnahme stattgefunden hätte...

  • Ja, wobei auch hinter den israelischen Kommandoaktionen jeweils sehr große Fragezeichen stehen. Das sind oftmals gezielte Tötungen, auch schon mal mit "Kollateralschaden". Rechtlich gedeckt ist das nicht.


    Wann hat die USA schon wirklich mal Verantwortung übernommen. Sie ist vielmehr Meister darin, "Verbündete" und die einheimische Bevölkerung für ihre Zwecke zu benutzen und sie dann fallenzulassen, ohne Skrupel. Siehe die Kurd*innen, siehe jetzt die Afghan*innen.


    Wäre keine westliche Intervention erfolgt hätten sich die Taliban und der IS gegenseitig aufgerieben. Leidtragende wäre in jedem Fall die Bevölkerung gewesen.


    Die Frauenrechte werden an die Scharia "angepasst", sobald die Taliban wieder das Sagen haben. Man kann schon jetzt damit rechnen, dass die Afghaninnen, die momentan höhere Ämter bekleiden, Richterinnen, Politikerinnen, Journalistinnen, Ziel von Anschlägen werden. Solange, bis sie von sich aus das Handtuch werfen. Den Westen wird das dann nicht mehr tangieren. Schon jetzt erschüttern wieder fast jede Woche Explosionen Kabul und es verkommt in den Medien zur Randnotiz.


    Bis jetzt war es übrigens üblich, dass nur der Name des Vaters in den Personalausweisen oder Dokumenten eingetragen wird. Die Mutter zählte nichts, war unsichtbar als Frau. Erst kürzlich gabs ein Dekret von Präsident Ghani, dass dies geändert wird, auch der Name der Mutter eingetragen wird. Ein wichtiger Schritt hin zur weiteren Stärkung von Frauen. All das kann jetzt schnell wieder zunichtegemacht werden.

  • ..., wenn Bin Laden in einer Kommandoaktion gefasst worden wäre,...

    Er ist in einer Kommandoaktion getötet worden. Und zwar nicht in Afghanistan, sondern in Pakistan, das während des ganzen Krieges fast immer ein Zufluchtsort aller möglichen terroristischen Gruppen gewesen ist.

    ..., wenn Bin Laden in einer Kommandoaktion gefasst worden wäre,...

    Er ist in einer Kommandoaktion getötet worden. Und zwar nicht in Afghanistan, sondern in Pakistan, das während des ganzen Krieges fast immer ein Zufluchtsort aller möglichen terroristischen Gruppen gewesen ist.

    ja, eben - die Sache ist die, ob es NUR mit einer Kommandoaktion nicht auch (und viel beeindruckender...) gegangen wäre oder ob der Krieg, quasi als "Ausräuchern", dafür notwendig war.

    Rechtlich frawürdig war die Aktion so oder so, da sich das Mandat definitv nicht auf pakistanisches Hoheitsgebiet erstreckte...

  • ..., wenn Bin Laden in einer Kommandoaktion gefasst worden wäre,...

    Er ist in einer Kommandoaktion getötet worden. Und zwar nicht in Afghanistan, sondern in Pakistan, das während des ganzen Krieges fast immer ein Zufluchtsort aller möglichen terroristischen Gruppen gewesen ist.

    Und heute noch ist. Benazir Bhutto war die Letzte, die noch versucht hat dagegen vorzugehen. Sie wurde ermordet.


    Die Madrassen, wo die heftigste Indoktrination stattfindet, stehen in Pakistan. Darunter die Haqqania in Islamabad. Die Taliban bekamen und bekommen dort ja auch ihr Rüstzeug. Dort gibt es auch die meisten Koranschulen für Mädchen. Die Jamia Hafsa im roten Moschee Komplex ist die rigideste.


    Pakistan ist ein tolles Land, aber es hat auch seine Schattenseiten.

  • Meine persönliche Meinung zu der Geschichte ist, dass es eine wesentlich größere Abschreckungswirkung entfaltet hätte, wenn Bin Laden in einer Kommandoaktion gefasst worden wäre, ohne ein ganzes Land militärisch zu besetzen. Wenn sie das geschafft hätten, hätten sie eine Legende geschaffen, ähnlich des israelischen Geheimdienstes, dass es keine sicheren Rückzugsorte für Terroristen gibt.

    Das scheint aber niemals die Absicht der USA oder der NATO gewesen zu sein. Wegen eines "einzelnen" Terroristen ruft man nicht den Bündnisfall aus, dem sich auch Schröder anschloss und weswegen die Deutschen überhaupt da sind.

    Bin Laden wurde zudem in einem Drittstaat "gestellt", ohne dass das Land besetzt wurde. Was ich aber als einen Genugtuungs-Akt fürs amerikanische Volk betrachte. Dafür spricht auch die sogleich im Anschluss stattfindende "Seebestattung". Das Ganze hatte strategisch keinerlei Bedeutung.


    Es bleiben zwei grundsätzliche Gründe:

    - strategischer Brückenkopf

    - Bodenschätze (das halte ich für am wahrscheinlichsten).

    Es bleiben zwei grundsätzliche Gründe:

    - strategischer Brückenkopf

    - Bodenschätze (das halte ich für am wahrscheinlichsten).

    Glaube ich nicht - den Schock nach 9/11nehme ich ihnen schon ab und das plakative Rachebedürfnis sowieso. Da wäre eine subtile Kommandoaktion nicht ausreichend gewesen - vor allem, weil sie doch einiges an verdeckter Vorbereitung, Aufklärung und Infiltration benötigt hätte, was nach außen hin als Untätigkeit und resignierte Akzeptanz hätte ausgelegt werden können.

    Ich überlege immer noch, was eine angemessene alternative Reaktion gewesen wäre...

    Man braucht kein Prophet sein, um anzunehmen, dass die Zahlen nach dem Rückzug der US Streitkräfte weiter steigen werden.

    Wie sähe Dein Ausstiegsszenario aus?

  • Wie sähe Dein Ausstiegsszenario aus?

    Kommt ganz drauf an, wie es jetzt weitergeht. Bindet man die Taliban ein oder nicht, versiegen mit dem Abzug auch die Hilfsgelder und Zuschüsse, dann bedeutet das auch, dass die nationalen Sicherheitskräfte irgendwann nicht mehr ihr Leben riskieren und entweder überlaufen oder den Dienst quittieren. Und sobald das geschieht, ist man auch nicht mehr Herr der Lage, um ein Gegengewicht bilden und ausreichend Schutz garantieren zu können. Die Amerikaner will niemand mehr im Land, zu Recht, aber es ist die Frage, inwieweit die Regierung tragfähig genug ist, um einen möglicherweise drohenden Bürgerkrieg zu verhindern. Ausstiegsszenario ist obsolet, sie ziehen ab, nun muss man schauen, wie man all die verschiedenen Interessen unter einen Hut bekommt.

  • Bindet man die Taliban ein oder nicht, versiegen mit dem Abzug auch die Hilfsgelder und Zuschüsse, dann bedeutet das auch, dass die nationalen Sicherheitskräfte irgendwann nicht mehr ihr Leben riskieren und entweder überlaufen oder den Dienst quittieren.

    Wie und von wem werden denn die Taliban zur Zeit finanziert? Oder besteht ihre Macht vorrangig in der religiösen Gefolgschaft von Bevölkerungsgruppen?

  • ich sehe die verschiedenen ethnien (schiiten, sunniten, etc.) als problem an.


    diese konstellation ging schon im irak nicht gut.


    es braucht eine führung mit starker hand um die ethnien zusammen zu halten.

    Möge die Macht mit dir sein :four_leaf_clover:

  • Bindet man die Taliban ein oder nicht, versiegen mit dem Abzug auch die Hilfsgelder und Zuschüsse, dann bedeutet das auch, dass die nationalen Sicherheitskräfte irgendwann nicht mehr ihr Leben riskieren und entweder überlaufen oder den Dienst quittieren.

    Wie und von wem werden denn die Taliban zur Zeit finanziert? Oder besteht ihre Macht vorrangig in der religiösen Gefolgschaft von Bevölkerungsgruppen?

    Drogenhandel. Aus Afghanistan stammt ein Großteil der weltweiten Opiumproduktion. Und die Route des Heroinschmuggels führt über Afghanistan. Sie genießen auch weiterhin Unterstützung aus Pakistan.

  • ich sehe die verschiedenen ethnien (schiiten, sunniten, etc.) als problem an.


    diese konstellation ging schon im irak nicht gut.


    es braucht eine führung mit starker hand um die ethnien zusammen zu halten.

    Die diversen Warlords, wie Raschid Dostum, der zum Marschall befördert wurde, und Milizen kannst Du nicht alle "bändigen", außer Du nimmst sie mit an den Tisch und das kann sich irgendwann rächen.

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